Wenn in Stuttgart die Palmen fliegen

von redaktion

Viele Menschen fliegen extra in den Süden, um unter Palmen zu liegen, in der Wilhelma ist es umgekehrt: Hier werden die Palmen an sonnige Plätzchen „geflogen“, damit die Menschen auch in Stuttgart unter ihnen lustwandeln können. Am frühen Mittwoch Morgen des 18. April hieß es auf den Subtropenterrassen daher für 20 exotische Passagiere erneut: „Ready to take off“. Und nur eineinhalb Stunden später waren alle wieder sicher gelandet.

Eine Palme macht zwar noch keinen Sommer – aber vielleicht 20? Denn so viele Palmen sind alljährlich zum großen Flugtag eingeladen. Ihre Sommerresidenz liegt auf den mittleren und oberen Subtropenterrassen unterhalb des Aussichtspavillons Belvedere – ein sehr idyllisches aber teils nur schwer über Treppen zugängliches Terrain. Keine Chance also, die sechs Meter hohen und bis zu einer halben Tonne schweren Pflanzen samt ihren Kübeln durch pure Manneskraft hier herauf zu hieven! Und so rückt jedes Jahr Mitte oder Ende April der Kran an, ohne den die schwergewichtigen Pflanzen nicht zum Abheben zu bewegen wären. Als wachsame Fluglotsen und routinierte Platzanweiser mit von der Partie sind natürlich die Gärtner – insgesamt neun Männer – denn jede der 20 erforderlichen Einzelflüge und Landungen am Zielort ist Maßarbeit. Bereits Ende März haben die Gärtner die Palmen mit viel Muskeleinsatz und Know-how aus ihren Winterquartieren bugsiert und an die frische Luft gesetzt, auf dass sich die exotischen Hoheiten peu à peu an die neue Freiluftsaison gewöhnen. Auch die exakte Platzierung jeder Palme auf ihrem sommerlichen Stammsitz bleibt Handarbeit – 14 Pflanzen zieren die obere, sechs die mittlere Subtropenterrasse.

Doch warum all diese Mühe? Lassen sich die als kältetolerant bekannten Chinesischen Hanfpalmen nicht auch im Freiland überwintern? Das ginge zwar schon, aber eine attraktive Alternative wäre es nicht. Denn gegen den Frost müssten sie aufwändig in eine optisch wenig ansprechende Schutzhülle verpackt werden – keine Zierde für den Park. Besser also, die Palmen Ende Oktober wieder ins Winterquartier zu fliegen, wo sie sich im hohen, luftigen Gewächshaus hinter den Kulissen bei sechs bis acht Grad ausruhen können. Um im nächsten Jahr erneut in die Luft zu gehen und einen Hauch von Süden in den Wilhelma-Park zu bringen.

Die Chinesische Hanfpalme

Ihren botanischen Namen Trachycarpus fortunei verdankt die Chinesische Hanfpalme dem englischen Botaniker Robert Fortune (1812 – 1880) sowie den griechischen Wörter „trachys“ für „rau“ und „karpos“ für „Frucht“. Ihre ursprüngliche Heimat sind die subtropischen Gebiete Zentral- und Ostchinas, die ersten Samen brachte 1830 der Naturforscher Philipp Franz von Siebold nach Europa. In den Alpenländern, wo sie bald stark verbreitet war, wird sie heute auch „Tessiner Palme“ genannt. Ihr schlanker Stamm ist anfangs vollständig, bei älteren Pflanzen nur noch im oberen Teil mit braunen, zähen Fasern bedeckt, aus denen in China Besen, Bürsten, Matten, Stricke und sogar regendichte Kleidung hergestellt wird. Über zehn Meter hoch können Hanfpalmen werden, ihre dunkelgrünen Fächerkronen aus 50 und mehr Blattfächern bestehen. Erst ab einem Alter von zehn Jahren und einer Stammhöhe von etwa einem Meter beginnt die Hanfpalme im Frühjahr zu blühen – ein gutes Zeichen übrigens, dass es ihr gut geht.

© Bildmaterial Wilhelma

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