Was stimmt nicht mit dem Euro?

von cindyw

Der aufmerksame Europäer wird schon seit sehr langer Zeit mit Schlagzeilen wie “Kurz vor dem Kollaps” oder “Die Wackelwährung” überschüttet. Einige sind es schon leid, sich täglich mit den neuen Informationen und Entwicklungen in der Eurokrise auseinanderzusetzen und zu spekulieren, welches Land es denn nun unter den Rettungsschirm (der mittlerweile sogar permanent ist) ziehen wird. Niemand hätte gedacht, dass sich diese Krise so lang hinziehen würde – aus einem kurzfristigen Rettungsschirm (EFSF) wurde der permanente Rettungsschirm (ESM) mit einem Startkapital von 700 Milliarden Euro. Für den Normalverbraucher stellt dies eine enorme Summe dar, in Anbetracht der kränkelnden Euro-Staaten und deren Defiziten jedoch wird auch klar, dass diese 700 Milliarden Euro nicht grenzenlos zur Verfügung stehen.

Schon vor der Einführung des Euros sind viele Dinge schief gegangen, die jedoch nie wirklich offen angesprochen wurden.
Der Spiegel spricht in diesem Zusammenhang von Geburtsfehlern des Euro. So ist bekannt, dass Italien bei der Einführung noch lange nicht reif für einen Währungswechsel war und eigentlich auch nicht die Kriterien des Maastricht-Vertrags erfüllte.
Wie konnte es nun also soweit kommen, dass Italien von Anfang an dabei war?

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl gab sich sehr gerne als ein Freund der neuen Währung und es war ihm wichtig zu zeigen, dass Deutschland europäisch ausgerichtet sei und in dieses neue Projekt viel Energie stecken würde. Allerdings zeigen einige Akten aus den Jahren 1994 bis 1998, dass Italien selbst 1998 einen hohen Schuldenstand hatte, die Schuldenquote lediglich um drei Prozentpunkte zurückging zwischen 1994 und 1997 und der Schuldenstand bei 120 Prozent lag. Der Haushalt war nicht strukturell saniert und Italien hatte nicht nur wirtschaftliche Probleme. Es gab mehr Rentner als Erwerbstätige, laut Statistik gab es auch 1,5 Millionen Schwerbehinderte, die aber in Italien nirgends zu sehen waren. Außerdem dauerten bei einer Firmengründung die Behördengänge mindestens 60 Tage. Wie schafften die Italiener es nun also in die Eurozone?
Sie versuchten zweimal im Jahre 1997 den Beginn des Euros zu verschieben, dies wurde aber stets abgelehnt. Kohl stand unter Druck, Frankreich drohte, ohne Italien nicht mit ins Boot zu steigen und Deutschland fühlte sich moralisch dazu verpflichtet, Italien von Anfang an in der Eurozone zu haben. Denn schließlich war Italien ja auch ein Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gewesen.

Altkanzler Kohl und José Manuel Barroso

Also was macht der Italiener, wenn er ein hoffnungslos erscheinendes Ziel erreichen will? Er verwendet Tricks, um die Schattenseiten zu verdecken und die faulen Zahlen zu überschminken. Es wurde eine Europasteuer in Italien eingeführt, an den Bilanzen wurde gedreht, Goldreserven wurden an die Zentralbank verkauft und aus dem Gewinn wurden Steuern geschöpft. So war es also kein Wunder, warum auf einmal das Haushaltsdefizit sank. Der Haushalt jedoch wurde nicht langfristig saniert und so war es nur eine Frage der Zeit, bis Italiens Finanzen aus dem Ruder laufen würden.

So wurde der Italien-Fall anscheinend als Beispiel genommen und Griechenland konnte auch problemlos der Eurozone beitreten, obwohl Griechenland auch ein Sorgenkind war.

Was ist das ganze Problem bei der Sache? Selbst Deutschland musste etwas tricksen, denn auch wir konnten die Maastricht-Kriterien eigentlich nicht erfüllen. Der Schuldenstand Deutschlands lag über der 60%-Grenze und die Gesamtverschuldung stieg immer weiter an. Kohl jedoch schob alles auf die Wiedervereinigung, die Schuld an der hohen Verschuldung sei. Die EU- Kommission reagierte verständnisvoll.

 (hier kannst du dir die Staatsverschuldung der einzelnen EU Länder ansehen)

Was stimmt also nicht mit dem Euro? Ist er viel zu früh eingeführt worden? Vielleicht hätte man lieber die finanzielle Entwicklung der Beitrittskandidaten strenger kontrollieren sollen und noch ein paar Jahre länger beobachten sollen. Nun ist es allerdings zu spät, die Würfel sind gefallen und nun muss sich die Eurozone mit immer mehr Sorgenkindern rumschlagen.
Nach Irland, Griechenland und Portugal ist nun auch Spanien unter den ESM geschlüpft und holte sich eine Finanzspritze, die lebensrettend für die spanischen Banken war.

Das Dramatische in Griechenland ist allerdings auch die innenpolitische Lage. Niemand weiß, wie die Wahlen ausgehen werden und das Worst-Case-Szenario wäre, dass Griechenland komplett die Eurozone verlässt, was großen Schaden anrichten würde.

Präsident Papoulias

Es bleibt nur noch zu hoffen, dass es im Fall von Spanien bei einer Bankenkrise bleibt, das Land sich so selbstständig wie möglich wieder erholt und die angeschlagenen Länder wieder konkurrenzfähig werden. Wir drücken auch Bella Italia die Daumen, dass das Land nicht weiter in Richtung Abgrund stürzt.

Europa ist noch lange nicht über den Berg und es wird noch lange dauern, bis diese Monsterkrise überwunden wird. Doch eins ist sicherlich klar: Die Griechen und Spanier haben die Spardiktate satt, sie möchten nun endlich wieder Jobs und ein würdevolles Leben.

Die Zahlen und Fakten sind im SPIEGEL, Ausgabe Nr. 19 (7.5.2012), erschienen.

Das Bildmaterial stammt von dem Pressematerial der Europäischen Kommission.

Schreibe einen Kommentar